NRW Inklusion an Schulen – ein Schnellschussgesetz mit vielen Teufeln
Freitag, 9. Mai 2014

Die UN-Behindertenrechtskonvention darf nicht scheitern

Auf der jüngsten Sitzung des Schul- und Bildungsausschuss Mönchengladbach wurde über die Neustrukturierung der Förderschulen beraten. Der Verwaltungs­vorlage zur Folge soll es – je nach Umsetzung des Inklusionsgesetzes NRW -  von den 11 städtischen Förderschulen noch zwei Förderzentren (Nord und Süd) mit insgesamt 5 Schuldependancen geben. DIE LINKE Mönchengladbach hält diese Überlegungen grundsätzlich für sinnvoll. Sollen doch möglichst alle Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf in das Regelschulsystem integriert werden. Zu dem haben die Eltern ab August 2014 das Recht, ihr Kind mit sonderpädagogischen Förderbedarf in eine Regelschule zu schicken.
Für das kommende Schuljahr 2014/15 haben sich jedoch vergleichsweise wenige Eltern dieser Zielgruppe für eine Regelschule entschieden. Bei der Hauptschulen sind es 13 %, bei der Realschule sind 2,9 %, bei der Gesamtschule 1,0 % und beim Gymnasium nur 0,9 %. Unklarheiten und der Streit im die Finanzierung werden sicherlich viele Eltern verunsichert haben, so dass sie die Förderschule für ihr Kind vorgezogen haben.

Der Teufel steckt jedoch im katholischen NRW im Detail. Viele Lehrer/innen an Regelschulen sehen die vom Land verordnete Inklusion als einen Schnellschuss an. Bestehende Strukturen würden wegbrechen, ohne dass neue aufgebaut werden. Ganz zu schweigen von den fehlenden Sonderpädagogen und Integrations­helfern, die dann in den Regelschulen benötigt werden. Außerdem sind die meisten Schulen nicht barrierefrei. Auch haben viele Eltern von Kindern, die eine Regelschule besuchen, erhebliche Vorbehalte am Inklusionsgedanken. Glauben sie doch, dass ihre Kinder angesichts des Gemeinsamen Unterrichts (GU) nicht ausreichend nach vorne kommen. Dass GU sich positiv für alle Kinder auswirkt, sehen sie nicht. Inklusion muss also zunächst in den Köpfen aller Eltern beginnen.
Ein weiteres Problem stellt die völlig unzureichende Finanzierung seitens des Landes NRW dar. Zwar haben sich das Land und die kommunalen Spitzenverbände auf einen finanziellen Kompromiss geeinigt, aber die jährlichen 35 Millionen, die das Land den Kommunen zur Verfügung stellt, reichen bei weitem nicht aus, die Schulen vor Ort inklusionsfähig zu machen. Der Stadt Mönchengladbach wird nichts anderes übrig bleiben, als Schwerpunktschulen für Inklusion zu bilden.
Ein weiterer Teufel steckt im Gesetz: Nur Eltern, deren Kinder das 1. und 5. Schuljahr besuchen werden, haben zunächst einen Rechtsanspruch auf Inklusion. Kinder des 6. und 7. Schuljahres können nicht von der Förderschule in eine Regelschule wechseln. Schulwechsel sind erst in den Folgejahren möglich. „Was ist das für ein Inklusionsgedanke?“, fragt der schulpolitische Sprecher der Partei DIE LINKE Johannes Frommen. Dann gibt es noch ein Teufelchen im Gesetzt. Eltern, die am GU für ihr Kind interessiert sind, müssen sich an die Schulaufsicht  wenden. Es werden dann sonderpädagogische (ggf. auch medizinische) Gutachten des Kindes erstellt (sog. AO-SF Verfahren), die den Bedarf der sonderpädagogischen Förderung (zielgleich und zieldifferent) ermitteln. Ein entsprechendes Schulangebot soll den Eltern dann unterbreitet werden. Ob es dann das Richtige der 7. Förderschwerpunkte sein wird, ist fraglich. Die Landessprecherin der Partei DIE LINKE Gunhild Böth merkt hierzu an: „Sie (die Eltern) haben weiterhin nur eine schlechte Wahl: Entweder ich schicke mein Kind in die Förderschule, wo es abgeschottet lebt und gefördert wird – oder ich schicke es in eine Regelschule, in der es nicht abgeschottet lebt, aber in zu großen Klassen (25-27 Schüler/innen) nicht genügend gefördert werden kann. Doppelbesetzung in den Klassen mit behinderten Kindern wird es nur stundenweise geben; Integrationshelfer werden begleitende Unterrichtstätigkeiten übernehmen müssen.“

Trotz vieler Unklarheiten appelliert Frommen an die Stadt bzw. die Schulen, Eltern zu ermutigen, den Schritt von der Förderschule in die Regelschule für ihr Kind zu wagen. An alle Eltern mit schulpflichtigen Kindern geht die Bitte, sich dem Gemeinsamen Unterricht nicht zu verschließen. Von einander lernen ist die Devise, damit eine solidarische Gesellschaft möglich ist und die Inklusion gelingt.

Abschließend betont Johannes Frommen, er werde sich in der nächsten Wahlperiode  verstärkt für die schulische Inklusion einsetzen. An die Verwaltung ergeht die Aufforderung, regelmäßig über die Fortschritte der Inklusion zu berichten. Sie soll ebenso Probleme benennen und lösungsorientierte Vorschläge machen. „Inklusion ist ein Menschen­recht“, so Frommen.