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Vortrag über Kindesmisshandlung PDF Drucken E-Mail
Dienstag, 15. September 2009

Bericht über den Vortrag über Kindesmisshandlung, 10.09.09, 19.00 Uhr – 20.45 Uhr im EKH von Sabine Cremer. Der Vortrag wurde gehalten von Prof. Dr. med. W. Kölfen; Leiter der dortigen Kinderklini.

Er fand in der Personalcafeteria des Krankenhauses statt, die ziemlich groß ist. Dieser Raum hat aber gerade so ausgereicht, es waren mindestens 100 Personen da, es können aber auch mehr gewesen sein. Somit war diese Veranstaltung wirklich außerordentlich gut besucht. Unter den Gästen waren auch einige Politiker (z. B. CDU-Ratsmitglied Hübsch), jemand der eine leitende Position bei der AOK bekleidet, und Herr Steins vom Jugendamt.

Zu Beginn der Veranstaltung wurden Beutel voller Steine herumgereicht und jeder sollte sich einen davon nehmen. Der Sinn dieser Aktion sollte erstmal offen bleiben. Es hieß, die Aufklärung dazu käme später. Die Anwesenden waren etwas irritiert darüber und viele haben ihn nicht aus der Hand gelegt, weil ja auch niemand wusste, was das sollte.

Der Vortrag an sich war eigentlich vorwiegend eine Sachstandsanalyse. Das klingt jetzt sehr trocken und sachlich, war aber nichts für schwache Nerven oder Mägen. Die Worte des Professors wurden selbstverständlich von einer Powerpoint-Präsentation begleitet, die reichlich viele harte Bilder von misshandelten Kindern enthielt.

Das Jugendamt hat es hier in Mönchengladbach laut den aktuellen Zahlen mit 2.580 Fällen von Kindesmisshandlung pro Jahr zu tun.

Es wurden einige rechtliche Grundlagen aus dem Grundgesetz, Bürgerlichen Gesetzbuch, Sozialgesetzbuch und dem Strafgesetzbuch dargelegt, die sich mit den Rechten von Kindern befassen und in solchen Fällen zur Anwendung kommen. Aber die Gesetzlage ist so, dass erst etwas passieren muss, bevor etwas passieren kann.

Es wurde vor allem darauf hingewiesen, dass in reinen Verdachtsfällen auf gar keinen Fall die Polizei, sondern immer das Jugendamt, angerufen werden soll. Denn ein Anruf bei der Polizei zieht immer eine strafrechtliche Verfolgung nach sich, was nicht Sinn der Sache sein könne, da grundsätzlich Hilfe vor Strafe gehe und dies nur durch das Jugendamt gewährleistet werden kann. Man solle auch auf keinen Fall als Laie die jeweiligen Eltern auf den Verdacht ansprechen, denn das führe zu nichts, im Gegenteil, es mache die Situation für das betroffene Kind nur noch schlimmer. So etwas solle man ausschließlich dafür ausgebildeten Leuten überlassen.

Dann wurde auch auf mögliche Ursachen eingegangen, die zu dieser Problematik führen, darunter waren überforderte Eltern (Kurzschlusshandlungen), Eltern die selbst mit Problemen unterschiedlichster Art zu kämpfen haben, ein schwieriges soziales Umfeld und die zunehmende Individualisierung unserer Gesellschaft. Repräsentative Umfragen zum Thema, wie Eltern ihre Kinder erziehen, zeigen außerdem, dass Gewalt, in welcher Form auch immer (z. B. Ohrfeige, Klaps auf den Po), leider immer noch stark verbreitet zum festen Erziehungs-repertoire gehören. Dabei fiel der berühmt-berüchtigte Satz „Das hat noch keinem geschadet.“ Es wurde hin und wieder ein statistischer Vergleich zu den USA gezogen und dort scheint alles noch viel schlimmer zu sein, was natürlich kein Grund zur Beruhigung ist.

Eine Statistik fand ich ganz besonders interessant, nämlich die zum sexuellen Missbrauch. 60% aller Fälle werden innerhalb der Familie verübt, 30% innerhalb des näheren Freundes- und Verwandtenkreises und nur 10% der Fälle wird von völlig Fremden verübt. Wenn man also manchmal durch die Medien den Eindruck gewinnen könnte, so genannte „Kinderschänder“ lauerten in Scharen an jeder Ecke und würden sich wahllos an jedem Kind vergreifen, was ihnen über den Weg läuft, so sagen diese Zahlen etwas anderes.

Es wurde auch darauf eingegangen, dass sich Kinderärzte zu diesem Thema in einer Bredouille befinden, da sie normalerweise der Schweigepflicht unterliegen. Es gibt zwar Gesetze, die sie davon entbindet, aber abzuwägen, ob dieser Fall nun eingetroffen ist, ist in den meisten Fällen eine Gratwanderung, denn wirklich eindeutige Fälle sind nicht unbedingt die Regel. Die Kinderärzte wollen nicht zu Wächtern und Denunzianten gemacht werden und befürchten den Vertrauensverlust der Eltern, so dass verletzte Kinder vielleicht gar nicht mehr zum Arzt gebracht werden. Hier gab es dann einen klaren Verweis auf die Pflichten des Staates und der Dringlichkeit diesen nachzukommen.

Der Vortrag schloss damit. dass es in Deutschland geschätzte 10 Milliarden EUR Folgekosten durch Kindesmisshandlung gibt. Diese Thematik ausschließlich aus ökonomischer Sicht zu betrachten und dort Einsparungen vorzunehmen, wird uns auf fatale Weise wieder einholen.

Danach wurde die Diskussion eröffnet, die nicht sehr ergiebig war und auch nicht sehr lang dauerte. Vielleicht waren alle zu sehr von den Bildern beeindruckt. Es hat aber jemand nach geplanten Präventionsmaßnahmen gefragt. Diese Frage wurde von dem anfangs erwähnten CDU-Ratsherr damit beantwortet, dass dies im Stadtrat in der neuen Legislaturperiode definitiv intensiv angegangen wird.

Dann gab es zum Abschluss die Aufklärung zu den Steinen, die wir alle bekommen hatten. Das Ganze bezog sich auf eine Rede von Astrid Lindgren, in der sie eine Geschichte von ihr und ihrem Sohn erzählte. Als ihr Sohn klein war, habe er einmal Erdbeeren von einem Feld geklaut und wurde dabei natürlich erwischt. Die Besitzerin des Feldes verlangte von Frau Lindgren, dass sie ihren Sohn nun verprügeln solle, damit er nicht später zum Dieb würde. Frau Lindgren verlangte von ihrem Sohn, dass er hinausgehen solle und die Rute, mit der er nun die Tracht Prügel bekommen würde, selbst besorgen solle. Der Kleine kam dann nach ziemlich langer Zeit weinend zurück und meinte, er habe keine passende Rute gefunden, aber hier wäre ein Stein, mit dem sie ihn nun bewerfen könne. Das hat Frau Lindgren dann auch zu Tränen gerührt und sie haben den Stein gemeinsam als Mahnmal gegen Gewalt in ein Regal gelegt. Zum Dieb ist ihr Sohn später nicht geworden.

Nun ja, ob diese Geschichte nun wahr oder von Astrid Lindgren erfunden ist, mag mal dahin gestellt sein, aber sie ist gut. Tja und nun habe ich auch so einen Stein im Regal.

Es wurde dann noch darauf hingewiesen, dass Anfang nächsten Jahres eine Vortragsreihe zum Thema Patientenverfügung und Ethik im Krankenhaus beginnt.

Sabine Cremer
 

 
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